Der Urmensch, der im Wald einem Säbelzahntiger gegenüber stand hatte nicht viel Zeit zu überlegen, er musste blitzschnell erkennen, "Tiger, nah, böse" und "Wald, entfernt, unwichtig". So blendet das Gehirn den unwichtigen (Hinter-)grund aus und konzentriert sich auf die Figur. Dieses einfache Prinzip beherrschen wir auch heute noch ziemlich gut.
Das vermutlich bekannteste Beispiel für die Figur-Grund-Beziehung hat Herr Edgar John Rubin erfunden:

Was das Ganze uns sagen soll: Es ist entscheidend für die Wahrnehmung, ob bestimmte Bestandteile eines Bildes als Vordergrund oder Hintergrund gesehen werden. In der Fotografie kann es also (mit) entscheidend für die Wirkung eines Foto sein, ob es mir gelingt das Motiv (die Figur) und den Grund (Hintergrund) sauber abzugrenzen.
- Als Figur werden bevorzugt kleinere, klar umrandete Objekte wahrgenommen, wohingegen offene große Objekte als Hintergrund interpretiert werden.
- Einfache Geometrische Objekte (Kreise, Vier-ecke, Drei-Ecke...) werden eher als Figur erkannt.
- Scharfe Objekte werden als Figur wahrgenommen, unscharfe Bildteile als Hintergrund
- Hellere Objekte werden eher als Figur wahrgenommen, als dunkle Objekte
- Mehrere Figuren im Bild sorgen für Unruhe.
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten die "Figur" im Foto auch darzustellen. Entsprechend oben stehender Prinzipien ist die Figur also idealerweise ein kleineres (mehr oder weniger) klar abgrenzbares Objekt, das (mehr oder weniger) eine einfache geometrische Form hat, scharf und hell ist. Dagegen ist der Hintergrund offen, unscharf und dunkel.
So krass wie bei der Rubin'schen Vase wird die "nicht-Unterscheidbarkeit" von Figur und Grund in der Fotografie wohl nicht vorkommen (und wenn doch, dann wäre das schon wieder genial), häufig findet man aber einen fließenden Übergang. Um die Bildwirkung zu verstärken kann es unter Umständen angebracht sein, den Übergang mit fotografischen Mitteln in unterscheidbaren Stufen heraus zu arbeiten.
1.) Wie immer ist zunächst einmal die Wahl des Bildausschnittes entscheidend. Bietet der aktuelle Bildausschnitt oder das gewählte Motiv überhaupt eine klare Figur und einen Grund? Kann ich durch die Wahl einer anderen Position eine bessere Abgrenzung erreichen? Häufig wirkt ein Schritt zur Seite schon Wunder. Aus einer tiefen oder erhöhten Position können sich ganz neue Blickwinkel ergeben und wenige Schritte auf das Objekt hinzu oder weg bewegt können einen Bild eine ganz andere Aussage verleihen.
2.) Mit der Wahl der Brennweite kann der Hintergrund entscheidend beeinflusst werden.
3.) Auf störende Elemente (Äste, Stromleitungen etc...) achten, eine zweite Figur im Bild kann - wenn ungewollt - den Eindruck zu nichte machen.
4.) Die Figur ist der Bildteil, der in jedem Fall korrekt belichtet und scharf sein sollte, also auf die Figur fokussieren (und ggf. danach - bei halb gedrücktem Auslöser - den Bildausschnitt anpassen)
5.) Mit Tiefen-Unschärfe arbeiten, um alle Elemente außer der Figur ins Unscharfe - und damit aus der Wahrnehmung - verschwinden zu lassen.
6.) Mit Beleuchtung oder Aufhellblitz arbeiten, um die Figur aufzuhellen und damit den Grund im Dunklen verschwinden zu lassen.
Wenn es dir gelingt in deinem Bild eine klare Trennung von Figur und Grund vor zu nehmen, fällt es dem Betrachter leicht, das Wesentliche in deinem Bild zu erkennen, also letztendlich das die Bildaussage zu verstehen... und das ist doch, was wir erreichen wollen.
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